Didier Raoult und die Hydroxychloroquin-Saga: Als die Wissenschaft in Marseille Urlaub machte

Wenn du in Marseille wohnst, kennst du das IHU: ein Glasbau, der aussieht, als hätte jemand ein futuristisches Krankenhaus in ein Fünf-Sterne-Hotel verwandelt. Palmen, Sonne, Glamour. Nur während Corona wurde es zum epischen Zentrum eines globalen Wissenschafts-Dramas – angeführt von Professor Didier Raoult, Mikrobiologe, YouTube-Prediger und Besitzer des bekanntesten Barts Frankreichs.

Abbildung 1: Notre Raoult de la Garde. Zeichnung von Karen.

Das Paper, das ungefiltert durch alle Schlagzeilen raste

März 2020. Lockdown. Panik. Klopapierkrise. Alle verzweifelt auf der Suche nach einem Wundermittel (während sie gleichzeitig kiloweise Bananenbrot backen, natürlich). Gleichzeitig: der große Moment für Forscher, die plötzlich im Scheinwerferlicht standen und wissenschaftlich fundierte Lösungen für eine völlig neue Krise liefern sollten.

Und dann kommt Raoults Team vom IHU Marseille mit einer Studie im International Journal of Antimicrobial Agents um die Ecke: Ihre Behauptung? Hydroxychloroquin (HCQ) – ein Malariamittel – plus Azithromycin (ein Antibiotikum) beseitig COVID-19 in wenigen Tagen. “So einfach, Leute:”

Kleiner Haken: Die Studie hatte ganze 42 Patienten (schon das schreit „Red-Flag!“), aber nur 36 tauchten am Ende in den Ergebnissen auf. Warum?

Weil 6 verschwanden wie bei einem Taschenspielertrick: einer starb, ein paar wurden zu krank, einer ging einfach nach Hause. Kurz gesagt: Wenn’s bergab ging, einfach Patienten aus dem Datensatz löschen. Läuft!.

Und die Kontrollgruppe? Die behandelte Gruppe war im IHU Marseille. Die Kontrollgruppe … in einem ganz anderen Krankenhaus. Siehst du das Problem? Unterschiedlicher Ort, unterschiedliche Abläufe, unterschiedliche Versorgung – unterschiedliches alles. So etwas nennt man nicht „Studie“, sondern „Äpfel-Birnen-Olympiade“.

Und der beste Teil: Die Ethikgenehmigung datierte offiziell auf den 6. März. (Kleine Erinnerung: Man DARF keine experimentelle Forschung an Menschen ohne Ethikvotum durchführen.)

Aber hier sah es so aus, als hätte die Studie schon vorher begonnen. Entweder Raoult hat die Zeitreise erfunden – oder jemand war einfach dezent übereifrig beim Experimentieren?

Und das Paper selbst? Am 16. März eingereicht, nur vier Tage später – am 24. März – veröffentlicht. VIER TAGE! Das ist nicht Peer-Review, das ist Drive-Through-Wissenschaft.

Ein Cheeseburger braucht länger.

Der Rockstar-Moment

Während seriöse Wissenschaftler schon die Stirn runzelten (Grüße an Elisabeth Bik), war der Rest der Welt im HCQ-Fieber:. Trump twitterte es. Fox News lobte es in den Himmel. Brasilien bestellte palettenweise HCQ , als ob es Champagner wäre. Sanofi fuhr die Produktion um 50 % hoch.

Für einen kurzen, glorreichen Moment war Marseille das Mekka der Medizin, einem Wallfahrtsort der Hoffnung. Menschen pilgerten zum IHU, warteten fünf Stunden vor der Tür. Apotheken kamen mit dem Chloroquin-Nachschub nicht hinterher. Patienten flehten Ärzte um Rezepte an.

Abbildung 2: Der Virus, der Menschen in Zombies verwandelt. Oder so ähnlich. Zeichnung von Karen.

Und Raoult?

Trank Kaffee mit Emmanuel Macron, bekam einen Sitz im wissenschaftlichen Beratergremium der Regierung, und sagte öffentlich seine mittlerweile legendären Aussage: „Ich glaube nicht an randomisierte klinische Studien.“

Das ist ungefähr so, als würde ein Chirurg sagen: „Ich glaube nicht an Narkose.“

Kann man machen – ist halt nur wahnsinnig dumm.

Ethik ? Irgendwo am Strand. Mit Pastis.

Je mehr Leute im IHU zu graben begannen, desto… chaotischer wurde die Geschichte. Nicht nur die HCQ-Studie war fragwürdig – das ganze IHU wirkte wie ein 10-Jahres-Spezial von „Verstehen Sie Spaß?“ für Ethikkommissionen.

Hier ein paar Highlights :

Turbo-Ethikanträge oder komplett fehlende Genehmigungen: Mehrere am IHU betreute Doktorarbeiten hatten zweifelhafte oder gar keine Ethikfreigaben. Die ANSM, die französische Behörde für Arzneimittelsicherheit, bestätigte später Unregelmäßigkeiten in mehreren Studien.

Einverständniserklärungen? Manchmal überhastet, manchmal unklar, manchmal gar nicht vorhanden. Wie AGBs akzeptieren – und erst später merkst du, dass du angeblich deine Nieren verkauft hast.

Retrospektive Studien, die als prospektive getarnt wurden: Daten zuerst sammeln, danach nach Ethikvotum suchen. Das ist wie Grillen auf dem Balkon und die Hausverwaltung erst um Erlaubnis fragen, wenn die Feuerwehr kommt.

Tuberkulose-Experimente: „Kreative“ Antibiotika-Cocktails bei multiresistenter TB – ohne ordentliche Genehmigungen. Die Behörden waren… sagen wir: not amused.

ANSM-Inspektionen: 2021 und 2022 starteten offizielle Untersuchungen. Die Berichte nannten „schwerwiegende ethische Verstöße“, “fehlende Zulassungen” und “Patientengefährung”. Wenn eine Aufsichtsbehörde solche Begriffe benutzt, dann bist du nicht mehr im „Hoppla, nur ein Tippfehler“-Bereich.

Kurz gesagt: Die Wissenschaft lief – aber das Regelwerk lag irgendwo an der Plage du Prado und schlürfte Pastis. C’est Marseille, bébé.

Und trotz allem machte Raoult weiter. Unerschütterlich. Oder unbelehrbar. Kann man sich aussuchen.

Der große Knall kam mit einer zweiten Studie 2021: 30.000 Patienten sollen routinemäßig mit HCQ behandelt worden sein – ohne offizielles Protokoll, ohne Ethikvotum.

Die größte „wilde“ Studie aller Zeiten. Der Everest der illegalen Forschung.

Regulierungsbehörden verloren kollektiv die Fassung.

Abbildung 3: Nach der Nummer der Ethikkommission suchen. Ein Dartpfeil nach dem anderen. Zeichnung von Karen.

Die Rückzieher

2021 wurde das berüchtigte HCQ-Paper nach unermüdlicher Kritik auf PubPeer und durch Watchdogs (Daumen hoch für Elisabeth Bik!) offiziell zurückgezogen. Datenprobleme, verschwundene Patienten, magische Heilungsraten – monatelang wurde jede Schwachstelle seziert und davon gab es reichlich.

Andere IHU-Studien gerieten ebenso ins Visier. Insgesamt mussten über ein Dutzend Publikationen korrigiert, mit Warnungen versehen oder komplett zurückgezogen werden. Willkommen auf dem wissenschaftlichen Schrottplatz!

Gleichzeitig veröffentlichte der französische Ethikrat vernichtende Stellungnahmen: Die Arbeiten des IHU verfehlten systematisch grundlegende Standards des Patientenschutzes.

Die ANSM erstattete sogar Anzeige.

Und damit spülte ein einziger medienverliebter Forscher die Reputation eines ganzen Instituts den Abfluss hinunter.

Und was bleibt übrig?

Hat HCQ geholfen? Nein.

Mehrere große randomisierte Studien weltweit zeigten keinen klinischen Nutzen. Die eingelagerten Vorräte verstaubten. Patienten, die auf das vermeintliche Wundermittel setzten statt auf wirksame Therapien, verloren wertvolle Zeit.

Aber der Schaden war nicht nur medizinisch – er war kulturell. Millionen Menschen in und außerhalb Frankreichs glaubten an ein „Wundermittel“, weil ein charismatischer Professor es versprach. Politiker instrumentalisierten es. Verschwörungstheorien wucherten.

Und das alles, weil ein großes Forschungsinstitut in Marseille entschied, dass Ethik und wissenschaftliche Strenge optionale Accessoires seien, wie Sonnencreme im Februar.

Und Raoult heute?

Nach diversen Untersuchungen zu wissenschaftlichem Fehlverhalten trat er 2022 als IHU-Direktor ab. Um in Rente zu gehen. Ja, richtig gelesen : Um in Rente zu gehen!

2024 entzog die französische Ärztekammer ihm die Approbation für zwei Jahre.

Spät, aber immerhin konsequent.

Heute ist Raoult auf Platz 12 des Reatraction Watch Leaderboards mit mehr als 48 zurückgezogenen wissenschaftlichen Artikeln (https://retractionwatch.com/the-retraction-watch-leaderboard/) (hier bitte einmal langsam klatschen).

Fazit

Ethik ist nicht nur Papierkram, sie ist der Sicherheitsgurt der Wissenschaft. Ohne sie knallt’s.

Randomisierte Studien sind langweilig, aber lebenswichtig. Sonst betreibt man nur medizinisches Improtheater.

Peer-Review in 4 Tagen ist kein Qualitätsmerkmal. Das ist Fast-Food-Forschung.

Und schließlich: Wenn du am IHU in Marseille vorbeigehst – denk daran: Das ist nicht nur ein Gebäude. Es ist eine Mahnung, wie schnell Wissenschaft abstürzen kann, wenn Ego und Abkürzungen wichtiger werden als Methodik und Verantwortung.

Quellen

Criticism on initial hydrochloroquine paper: https://pubpeer.com/publications/E09AC9D25125B0AB077971FBA6DD7B#21

“Didier Raoult doesn’t believe in randomized trials”: https://www.youtube.com/watch?v=7TI3Re57X2Y

https://www.afis.org/Didier-Raoult-contre-la-methode-scientifique#ref0

https://www.lexpress.fr/sciences-sante/sciences/hydroxychloroquine-l-imbroglio-entre-didier-raoult-sanofi-et-l-ansm_2137974.html

Wild trial on tuberculosis patients: https://www.mediapart.fr/journal/france/221021/ihu-de-marseille-les-ravages-d-une-experimentation-sauvage-contre-la-tuberculose

Thesis at IHU with doubtful ethics approval: https://www.lexpress.fr/sciences-sante/sciences/enquete-a-l-ihu-les-petits-arrangements-de-didier-raoult-avec-l-ethique-et-la-loi_2155083.html?cmp_redirect=true

Critics on study with 30.000: https://pubpeer.com/publications/458B11A77135BCB66656469E12F540

Criticism on preprint paper that includes 30.000 COVID-19 patients: https://pubpeer.com/publications/3543A87E349E2B7081592624198040

ANSM inspection report : https://ansm.sante.fr/actualites/inspection-a-lihu-mediterranee-infection-et-a-lap-hm-lansm-saisit-a-nouveau-la-justice-et-engage-des-poursuites-administratives

https://www.lexpress.fr/sciences-sante/sciences/enquete-a-l-ihu-les-petits-arrangements-de-didier-raoult-avec-l-ethique-et-la-loi_2155083.html?cmp_redirect=true

https://www.science.org/content/article/infamous-paper-popularized-unproven-covid-19-treatment-finally-retracted

https://www.science.org/content/article/failure-every-level-how-science-sleuths-exposed-massive-ethics-violations-famed-french

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